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Werkstatt-Tage in der JVA Heinsberg: Handwerk trifft auf neue Perspektiven

Was als Pilotvorhaben vor vier Jahren seinen Anfang genommen hat, ist in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Heinsberg inzwischen zu einer festen Institution geworden. Alljährlich im Frühjahr lädt die Handwerkskammer Aachen ihre Mitgliedsbetriebe zu den Werkstatt-Tagen in die JVA Heinsberg ein. Auch in diesem Jahr folgten zahlreiche Betriebe aus dem Kammerbezirk Aachen und benachbarten Kammerbezirken der Einladung. 

Wir möchten Handwerksbetrieben die Möglichkeit geben, unsere Ausbildungs- und beruflichen Qualifizierungseinrichtungen in insgesamt 18 verschiedenen Berufen zu besichtigen – und mit Ausbildungspersonal und Inhaftierten ins Gespräch zu kommen“ erklärt Jochen Käbisch, Anstaltsleiter der JVA Heinsberg, das Konzept. „Der persönliche Eindruck und der direkte Kontakt zwischen unseren Gefangenen und Handwerksbetrieben ist besonders wertvoll und hat in vielen Fällen bereits zu konkreten Ausbildungs- und Beschäftigungsangeboten geführt. Wir freuen uns über jeden Handwerksbetrieb, der den jungen Menschen eine zweite Chance anbieten möchte."

Einer der Betriebe, der sich erstmals dazu entschieden hat, die Werkstatt-Tage in der JVA zu besuchen, ist die Dr. Holzinger GmbH. Deren Geschäftsführer Marcel Schuckel hatte sich gemeinsam mit seinem Tischlermeister Jörg Hamann angemeldet: „Wir wollten uns die Tischlerwerkstatt persönlich anschauen und konnten dabei mit einigen Inhaftierten persönlich sprechen“, schildert Marcel Schuckel seine Eindrücke. „Die Ausstattung ist zeitgemäß, modern und professionell – ein gutes Umfeld, um viele Bereiche des Tischlerberufs zu erlernen. Ich kann mir gut vorstellen, einem ehemaligen Inhaftierten einen Ausbildungsplatz anzubieten, wenn die Chemie stimmt. Ganz wichtig: der junge Mann muss auch wirklich wollen und das Durchhaltevermögen für dreieinhalb Jahre Ausbildung mitbringen!

Doch nicht alle Betriebsinhaberinnen und Betriebsinhaber kommen zum ersten Mal in die JVA Heinsberg. Einer der Betriebe, der die Werkstatt-Tage schon mehrfach für einen Besuch der JVA genutzt und sich auch in diesem Jahr wieder angemeldet hat, ist die Baugruppe Schlun aus Gangelt. Dessen Personalerin Jessica Joerißen erzählt: „Wir haben bereits mehrere ehemalige Inhaftierte aus der JVA Heinsberg eingestellt und dabei viele positive Erfahrungen gemacht. Die jungen Männer bringen gute fachliche Voraussetzungen mit, sind engagiert und motiviert und passen in unser Team.“

Den Rahmen für die Werkstatt-Tage bildet das Modellvorhaben ‚Handwerk im Hafthaus‘, eine Kooperation zwischen dem Ministerium der Justiz NRW und dem Westdeutschen Handwerkskammertag, der Dachorganisation der sieben nordrhein-westfälischen Handwerkskammern. Ziel der Initiative ist es, inhaftierten Menschen einen besseren Zugang zu einer Beschäftigung zu ermöglichen und damit einen Beitrag zu einer erfolgreichen Wiedereingliederung zu leisten.

Die jugendlichen Inhaftierten in der JVA Heinsberg sind zwischen 14 und 24 Jahren alt, lebten vor der Inhaftierung häufig in den Regionen Aachen, Köln, Düsseldorf oder im Ruhrgebiet, die meisten von ihnen kehren nach der Haft auch dahin wieder zurück. 

Es ist für uns eine große Hilfe, dass wir über die Initiative ‚Handwerk im Hafthaus‘ Zugang zum Netzwerk der nordrhein-westfälischen Handwerkskammern haben. Wir konnten über diesen Weg schon einige Betriebe in anderen Handwerkskammerbezirken identifizieren, bei denen sich unsere Inhaftierten schon vor der Entlassung bewerben konnten“, berichtet Jochen Käbisch. „Dass sich unser Übergangsmanagement schon vor der Entlassung um eine Anschlussbeschäftigung kümmern kann, ist sehr vorteilhaft, da wir nach der Entlassung grundsätzlich keinen Einfluss mehr auf die weitere Entwicklung der jungen Männer ausüben können und dürfen.

Ob auch die diesjährigen Werkstatt-Tage dazu geführt haben, dass einer der jungen Männer ein Angebot für eine Beschäftigung nach der Entlassung erhalten wird, zeigt sich erfahrungsgemäß erst in einigen Wochen. In einem Punkt sind sich die Betriebe, die in diesem Jahr die JVA besucht und die Werkstätten besichtigt haben, aber jetzt schon einig: die Einblicke in die Welt hinter Gittern waren alles andere als verschenkte Zeit – sondern für viele ein Perspektivwechsel.